Schlussklappe!

Es reicht, Freunde! 112 Beiträge von 5 namhaften Autoren bzw. 4 und einer ebensolchen Autorin mit einem fantastischen Finale. Wie haben wir mitgefiebert, aber es war nicht umsonst. Die Bombe hat alle bisherigen filmisch festgehaltenen Explosionen getoppt. Jegliches Warum? wurde von ihr zerfetzt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir einen solchen Erfolg würden je feiern können. Apokalypse Now („I love the smell of napalm in the morning […] Smells like – victory.“) sieht im Vergleich dazu aus, wie ein verkrampftes Schulbubenvideo.

Gut, das Ganze geht jetzt ab in den Druck und in 107 Tagen, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse kommt der Megaseller auf den Markt. Zwischen zwei echten Pappdeckeln funkelt auf Hochglanzpapier das erste wirklich interaktive Buch. Man wird es liken und Kommentare hineinschreiben können wie in einem richtigen Blog! Fantastisch.

Okay, Freunde. Wir treffen uns am 10. Oktober, Punkt 8 Uhr vor der Halle 4.2. Codewort: „Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!“ Alles weitere vor Ort (Schampus steht bereit!).

Intermezzos Karma

Tom schlendert durch seinen Garten (Was soll er sonst tun? Im Script ist ihm Pause verordnet), wo ihn die Eingebung mit atemraubender Zuverlässigkeit zu treffen pflegt.

Eingebung: So leer wie das Universum in Wirklichkeit ist, so schwer ist diese Wahrheit zu erkennen. Aber nur schon ein Blick in den Autopoetikerblog lässt die Leerheit mit einem Schlag als Realität über allen Sümpfen und Hochhäusern aufscheinen.

Tom: Ja, genau. Wir haben mit den Autopo(i)etikern ein perfektes Modell geschaffen für die wirkliche Realität der Leerheit. Das ist ein wahres Meta-Meisterwerk.

Die Katze am Ende des neolithischen Gartens

Maikäfer flieg! Tatsächlich fallen sie zu Tausenden vom Himmel. Liegen auf dem Bürgersteig auf bleischweren Rücken, rudern mit müden Beinchen bis sie erschöpft ins Nichts sinken. Bundesbürgerinnen und Bundesbürger latschen sie zu Brei, ohne Skrupel; bemerken gar nicht, ob sie noch strampeln oder nicht. Ich verlasse den Bundesbürgersteig, lenke die Schritte, oder sie mich?, in meinen Garten. Ich könnte ins Haus gehen, aber es zieht mich in den Garten. Warum weiß niemand, also ich weiß es nicht. Ich weiß eigentlich gar nichts. Hinter dem Haus gehe ich langsam die Treppe hinunter auf die nordwärts sanft abfallende Blumenwiese. Wie grün es hier ist. Ja, hier fliegen sie, die Maikäfer! Ich gehe auf den Steinplatten durch diese alles verklärende Wiese und höre umso missmutiger die L- und PKWs der nicht weit entfernten Hauptstraße. Vor diesem Hintergrund der Zivilisation explodiert ein Orgelkonzert einer Mönchsgrasmücke. Eine zweite antwortet, was in ein rauschhaftes Duett mündet und meinen durchgedrehten Synapsen Frieden verspricht. Dazwischen zwitschern Blau- und Sumpfmeisen und eine Amsel flötet bedächtig ihre melancholische Arie. Die Hortensie hat im Winter gelitten, aber dennoch erhebt sie trotzig ihre grünen Blatthäupter. Gartenarbeit ist meditativ, sagen jene, die Spaß daran haben. Nach ein paar Schritten mache ich es mir im Liegestuhl bequem. Liegestühle sind Meditationsorte. Oder Orte des Stillstands. Ja, der Garten. Mumford hatte ihn so besungen: Dem Garten kommt im Gesamtprozeß der Domestizierung zentrale Bedeutung zu: Er war die Brücke, die die beständige Pflege und selektive Kultivierung von Knollen und Bäumen mit dem Ausroden wilder Gewächse und dem Anbau der ersten einjährigen Getreidepflanzen – Emmer, Einkorn und Gerste – verband… Mumford, Lewis Mumford. Wer liest heute noch Mumford? Er wird in Vergessenheit geraten. Obwohl er ein Bestseller mit achthundertfuffzig Seiten hinterlassen hat. Oder gerade deswegen. Heute kann man das, was er episch breit schlug, in ein paar Twitterzeilen pressen. Der Substanz nach? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Keiner weiß es. Das ist jetzt auch komplett egal. Hier im Liegestuhl. Wo Faulheit in Fäulnis übergehen könnte. Mumford war der erste, wirklich? zumindest einer der ersten, der den Begriff Megamaschine sinnvoll benützte; er prägte ihn. Ich werde nie einen Begriff prägen, denke ich. Ich kann gar nicht in Vergessenheit geraten, denn da bin ich schon längst und nie werde ich da hinaus gelangen aus dieser Vergessenheit. Nicht dass das ein Problem wäre. Gut, das glaubt mir jetzt keiner! Es ist ‚Toms‘ Problem, nicht meins. Wem’s weiterhilft, soll sich doch damit beschäftigen. Ich hab aber wirklich kein Problem damit, eine Null zu sein. Diese Null wird bald einmal im Nichts versinken, wie ein müder Maikäfer. Der Unterschied zwischen mir und dem Maikäfer ist diesbezüglich gleich null. Das Nichts. Viele behaupten ja, sie hätten damit null Problem. Warum verstehe ich das bloß nicht? Bin ich depressiv? Brauche ich Psychopharmaka? Psychotherapie? Psychopharmakatherapie? Nein, ich wüsste nicht, was das ändern könnte. Das Nichts ist jedenfalls unendlich. Es dauert unendlich lange. Wie kann Nichts eine Dauer haben? Vom Subjekt her betrachtet kann es das eben schon. Denn das Subjekt ist der Zeit unterjocht. Auch wenn das falsch gedacht wäre: Eine unendliche Dauer Nichts minus mein Leben, das irrwitzigerweise dazwischen! – zwischen dem VorLebenNichts und dem NachLebenNichts – haust, wie viel ergibt das? Unendlichkeit minus, sagen wir mal großzügig 75 Jahre, gibt das nicht wieder unendlich? Ein umgedrehtes Hotel Hilbert? Muss mal Phorky fragen, ob’s keinen mathematischen Trick gibt, seinen immerhin 75 Jahren Bedeutung zu verleihen. Also Nichts bleibt Nichts, auch wenn dazwischen eine Seifenblase auftaucht und wieder platzt. Das ist eigentlich schon alles. Wozu sollte man sich da noch irgendwie für irgendwas echauffieren? Das Nichts lacht sich kaputt über solche Seifenblasenbemühungen. Manchmal wird es mit !Gott! gleichgesetzt. Wem’s gefällt. Das Nichts ist ein Spieler, ein Zocker, ein Versuchsleiter, ein Sadist, ein Arschloch. Aber das ist alles Quatsch, denn das Nichts ist einfach nichts. Aus. Und so bleiben mir die 75 oder wieviel-es-dann-wirklich-sind Jahre, wovon die größere Hälfte längst zerbröselt ist. Ein kleiner Rest also noch. Was für ein blödsinniges, leeres, langatmiges Lamento. Stupider Kampf. Mein Bewusstsein gegen das Nichts, das wäre gar der Titel meines Hauptwerks, wenn es denn so etwas geben täte. Das Bewusstsein ist die Seifenblase, ist das !Leben! Doch das !Nichts! zermalmt es. Vor der Vernichtung spiele und träume ich. Das ist mein Trumpf und Triumph. Leben kann man also nicht! Man kann nur in der Fantasie leben; in Illusionen, in Werken, im Wahn, in Taten, in Schöpfungen hinter denen immer nur das Nichts lauert. Immerhin. Und im Liegestuhl ist es sehr bequem. Die Temperatur ist jetzt sehr angenehm in diesem Garten. Die Gedanken, man merkt es, dröseln und nölen weg auf tiefstes Niveau herab, drehen im Kreis, werden noch nichtiger, als sie eh schon sind. Könnte man doch einfach ins Nichts versacken! Ja, warum jeden Morgen aufwachen? Und warum anknüpfen an die Misere vom Vortag, an die Schwere der Biografie. Wenn man wenigstens jeden Tag ein Neuer wäre! Mal ein Qualitätsmanager, mal ein Held, mal ein Praktikant, mal ein Autopoietiker, bzw. Autopoiet. Nichts bleibt, nur die Illusion eine Person zu sein. Ein schriller Schrei sticht aus dem Buschkonzert heraus. Flügelschlagen, erbärmlichstes Piepsen, Rascheln. Unsere Katze kommt stolz erhobenen Schwanzes aus dem Lorbeer, in der Schnauze ein Nichts, das soeben noch ein Orgelkonzertbewusstsein war. Bewusstsein ist immer auch im Krieg.

Bieroberliga

Unser Universum ist manchem fleißigen Sternenforscher schon Rätsel genug. Dieses bizarre Ding hätte sich seiner Existenz – im Prinzip! – eigentlich dermaßen schämen müssen, dass es auf der Stelle verschwinden und etwas Zweckmäßigerem hätte Platz machen sollen. Tat es aber nicht. Warum denn nicht? War es denn schamunfähig wie andere schuldunfähig sind? Wollte es den mäandernden Gesetzen der Dialektik widersprechen, um sie – die Dialektik – sozusagen aufzuheben in einen Zustand festgefrorener Unvergänglichkeit? Die Antwort lag tief im Wiesengrund verborgen.

Aber nun fiel von der Katzenleiter des Wassermanns gerade ein merkwürdiger Tablet-Computer aus einer der Millionen Paralleluniversen mitten in diese eine Welt hinein. Hans Wassermann fing diesen Weltenbummler auf, gerade noch bevor er auf dem rosa Marmorboden seiner schmucken Terrasse zerschellt wäre. Dann hätte nie jemand diesen fantastischen Parallelblogbeitrag lesen können.

Hans war schockiert. Aber lesen Sie selbst:

Der 1. FC Rekiteiopotua, bislang absoluter Underdog der Oberliga Nordost, trat am Samstag sein Spiel der allerletzten Chance gegen den FC Dosenkicker aus Bierhalle an. Der Abstieg in die Verbandsliga war eigentlich schon besiegelt. Rekiteiopotua hatte bisher alle Spiele gegen die Dosenkicker verloren. Die rettenden Punkte schienen unerreichbar…

Am Freitagabend schlenderte dann ein Herr mittleren Alters in schickem Trenchcoat in die hopfenfrohe kleine Stammkneipe der Rekiteiopotuatiker.

Gestatten, mein Name ist Ogolb. Ich habe Kunde von eurer Misere erhalten und, ja, da hab ich mir gedacht, Junge, mit deinem Talent kannste die Truppe gerade nochmals aus ihrem eignen Morast ziehen.

Etem: Okay Ogolb, das Spiel ist morgen! Du Pfeife. Hätten wir da noch Zeit, nach deinen talentierten Anweisungen zu trainieren? Ich meine, du siehst doch, wir lassen uns hier gerade herzlich volllaufen.

Ykrohp und Mot wieherten kräftig Zustimmung. Mehr lag an diesem Abend nicht drin. Bob schraubte sich gerade seinen zweiten, etwas kleineren, schrumpeligen Kopf auf die linke Schulter, damit er einem noch höheren BierproMinute-Durchsatz frönen könne. Dass er dabei ein wenig an Zaphod Beeblebrox erinnerte, war durchaus beabsichtigt, von welchem Kopf auch immer.

Ogolb rief mit seiner ansteckenden Begeisterung in die Runde: Training brauchen nur Idioten! Ihr, ihr seid Rekiteiopotuatiker! Und das reicht völlig. Ich geb‘ euch vor dem Spiel die entscheidenden taktischen Anweisungen und ihr setzt das auf dem Acker um. So einfach ist das.

Cool! grölten die irren Kicker wie aus einem Schlund und füllten diesen persistierend mit dem Gebräu zwielichtiger Götter.

Nur Etem zweifelte, ob ein Neubeginn so ganz ohne Training überhaupt möglich wäre.

Am Tag der Entscheidung standen ganze vier Rekiteiopotuatiker auf dem Platz. Der Rest der Truppe hatte sich vor Begeisterung ins Koma gesoffen. Aber Ogolb war guter Laune, als er die hochmotivierten, sportiven Dosenkicker sah. Kampfgeist beseelte sein Taktikerhirn. Er packte Ykrohp am Arm: Ich hab deine Go-Steine gesehen. Schmeiß sie den elf Idioten in die Augen und dann macht ihr ganz locker ein Tor nach dem andern.

Das Spiel ging schließlich in die Geschichte der Oberliga Nordost ein. Rekiteiopotua gewann 27 : 1. Das einzige Gegentor war blöderweise ein Eigentor. Nach der Pause bekam Mot nicht mit, dass die Seiten zu wechseln wären und drosch das Leder einfach wieder ins gleiche Tor wie vor der Pause. Aber dann kriegte er’s gesagt. Von Ogolb an der Seitenlinie. Ogolb hatte das Spiel einfach ganz fantastisch im Griff. Und die Zuschauermenge tobte vor Begeisterung und fackelte zur Feier des Tages die alte Holztribüne ab. Die Rekiteiopotuatiker aber schlugen sich nach ihrem Sieg gegenseitig die Köpfe ein. Was hätten sie auch sonst noch tun sollen?

Ogolb gelang mit diesem Meisterstück taktischer Einstellung einer eigentlichen Gurkentruppe alsbald der Einstieg in eine großartige Trainerkarriere. Schon bald, so munkelte man, werde er einen Verein der 1. Bundesliga betreuen.

Hans war fassungslos. Da fiel ihm diese postmoderne Schiefertafel aus einem Paralleluniversum direkt in seine zartblassen Hände… ein Ereignis, das so selten war wie die jungfräuliche Geburt einer Straßenhure, eine Kostbarkeit sondergleichen – und was enthielt das Ding? Schund und Quatsch. Suppendosen und Dosenbier. Eine Oberfläche ohne jeglichen Tiefgang. Schöne Scheiße. Als Astrophysiker wusste er zwar gleich Bescheid. Denn dieses Paralleluniversum war in seinen Kreisen schon bekannt, da die Tüftler dort den Segway zweihundert Jahre vor dem Fahrrad erfunden hatten.

Susan hat mitgezählt

Würden Sie denn sagen wollen, Autopoietiker sei ein Projekt, imstande das junge Genre der Blogliteratur bereits wieder umzuwälzen? Wenn nicht gar die postmoderne Literatur in ihrer Gänze?

Susan verzog ihre Mundwinkel. Ein Gesicht in dem man leicht zu lesen vermochte. Jetzt lag Geringschätzung in ihrem Ausdruck. Als wollte sie sagen: Hä, du kleiner Pisser. Jetzt musst du Farbe bekennen oder besser gleich deinen pickligen Schwanz einziehen. Ihren Zeigefinger hatte sie permanent am Auslöser, das Objektiv auf Toms Visage gerichtet.

Lassen Sie mich doch das folgendermaßen erklären: Die Autopoietiker, das ist kein Projekt. Und auch nicht einfach Blogliteratur. Nein. Dieses Phänomen verwirklicht sich vielmehr von innen heraus instantan in der permanenten Gegenwärtigkeit als kleinstmögliche Ausdrucksform alphabetischer Schwarmintelligenz. Wenn Sie so wollen, hat es – wenn auch nur am Rande – einen wagemutigen impressionistischen Touch.

Susans hübscher Kiefer klappte nach unten. Gerade noch konnten ihre blitzschnell schließenden Lippen einen allzu peinlichen Gesichtsausdruck verhindern. Tom dachte somit, das reiche erstmal als Antwort und wartete geduldig auf Königs nächste Frage.

35 Minuten zuvor:
Da drüben bei diesen Schuppen muss es irgendwo sein, sagte er mit Blick aufs GPS.

Meinst Du? Sieht ziemlich schäbig aus hier, gab Susan zurück.

Hast du etwas anderes erwartet, lachte Johann König. Er parkte den Wagen einfach mitten im Hinterhof. Als Literaturpapst, wie er sich gerne titulieren ließ, war er sich im Laufe seiner schon langen Karriere einiges gewohnt. Literatinnen und Literatten wohnten in Villen oder in Abbruchlöchern. Das hing ja von den Launen des Marktes ab, die seine feuilletonistischen Hochseilakte erst so recht befeuerten.

Er wartete neben seinem Mercedes stehend, den Blick fest auf die Zukunft gerichtet, bis Susan ihr Equipment bereit hatte. Nach drei Minuten war sie schon so weit; hatte vier Kameras, siebzehn Objektive, zwei Stative und eine komplette Studiobeleuchtungsanlage um ihren starken Hals geschlungen. Sie sah forsch und adrett aus. Susan galt als das Supertalent der postmodernen Fotografie. Unter anderem hatte sie zwölf Semester am New York Institut of Photography studiert. Sie war absolut fasziniert von Arno Minkkinens Helsinki Bus Station Theory. Deshalb musste sie auch immer mehr Equipment mit sich herum schleppen. Das wachsende Equipment war ihr fucking Bus, auf dem zu bleiben der Meister befahl.

30 Minuten zuvor:
Ein Interview? Haben wir denn einen Termin? Tom wollte auf Nummer sicher gehen.

Ohne Worte kramte König in seiner Herrenumhängetasche, zog einen Zettel hervor, hielt ihn Tom vor die Augen. Ein Fax. Tatsächlich, mete hatte diesen Termin bestätigt.

Ja, dann ist ja alles Paletti, Freunde. Allerdings ist heute außer mir keiner da. Ein bisschen schade. Aber ich reiß‘ das schon, keine Sorge. Wollt’s Ihr Euch nicht setzen, Freunde? Tom wies auf einen alten Hocker und ein schmuddeliges Sofa.

15 Minuten zuvor:
Kannten Sie sich aus dem realen Leben oder ist diese Gruppe ausschließlich virtueller Natur? Und wie sind Sie, Tom, wie sind Sie denn zu den Autopoietikern gestoßen?

Unvermittelt. So kann man das sagen. Also, klar, ich meine, ich war schon am Surfen. Das ist die existentielle Grundbedingung. Von nix kommt ja nix. Die Surfparadiese der Welt sind mir bekannt, wie andern ihre Stammkneipe um die Ecke. Miami, St. Tropez, Hawaii… Nun, da lernt man die richtigen Leute kennen. Und dann ging alles ganz schnell. Sozusagen auf der perfekten Welle bin ich direkt hier in diesen herrlichen Writer’s Room gespült worden. In diesen Whirlpool gefüllt mit Blut.

Verstehe. Sie wollen provozieren. Und das gelingt Ihnen ja auch schon ansatzweise. König räusperte sich. Was wollen Sie sonst noch? Ich meine, reicht Ihnen die schiere Provokation als Programm? Oder haben Sie eine Botschaft an die Surferinnen und Surfer? Wollen Sie die herrschende Moral konterkarierend zu Fall bringen, um eine neue, welche sie uns gegebenenfalls bitte exemplifizieren möchten, wie auch immer geartete, sittliche Ordnung zu etablieren? König gefiel sich immer besser.

Susans Ausdruck, während sie Dutzende von Bildern schoss, wie Tom schwieg, sprach, blöde grinste oder hirnrissig gestikulierte, wechselte so rasant wie die Stimmung während des Interviews.

Sehen Sie, Herr König. Moral ist eine Frage der Tapferkeit. Oder dann der Feigheit. Wenn es um die Würde des Menschen geht, dann muss man doch mittlerweile einfach nur noch lachen. Oder ist das unser Luxusproblem? Herr König. Sagen Sie es uns doch. Sind nicht Sie der Prediger für die richtige Literatur? Und ist das nicht gleichbedeutend mit dem richtigen Leben?

Susan rümpfte ihr Näschen. Sie brauchte noch achtundzwanzig Bilder. Dann wäre auch diese Busladung voll.

Sollen wir das wirklich so drucken?

Warum denn nicht? Drucken Sie, was Sie wollen.

7 Minuten zuvor:
Welches sind Ihre Vorbilder? Kann ein solches Projekt, Pardon, ein solches, wie sagten Sie, Phänomen, überhaupt Vorbilder haben?

Keine Ahnung. Schreiben Sie Raymond Benson, James Joyce, die Evolution. Völlig egal. Natürlich, solange jemand schreibt, knüpft sie oder er irgendwo an, bewusst oder weniger, das ist doch klar. Wirklich neu ist gar nichts und diese Erkenntnis ist uralt. Alles gab’s schon. Ulysses, Bond, oder nehmen Sie die KARMA Schwestern von Rimbaud. Die verrücktesten Sachen. Kann man das toppen? Ich denke, nur um den Preis gänzlicher Unverständlichkeit. Wir wären dann Autisten statt Autopoietiker. Wär‘ zwar auch lustig, aber dann säßen Sie nicht hier, Herr König. Oder sehen Sie, diese Analepse, die ich Ihnen hier jetzt vorführe? Ist das neu? Nein, ist schon alt und grau. Alle machen das jetzt, vor allem Sydney Pollack und Tony Gilroy im Filmbusiness.

JETZT:
Kommen wir zum Schluss noch einmal auf die Moral zu sprechen. Wie können Sie Ihr Phänomen Massenmord eigentlich rechtfertigen? Wow, König, kurz und prägnant gefragt.

Rechtfertigen? Wie käme ich dahin? Was muss ich rechtfertigen? Wenn wir einen ganzen Verlag, ein modernes Multimediaunternehmen, autopoietisch im Blut ertränken, heißt das denn, dass wir diese Tat gutheißen? Wer sagt so was? Wenn wir schon beim Film sind: Ist Stieg Larsson für diese ganze Fickerei, dieses Geschnipsel auf Menschenhaut, diese Fußtritte ins Gesicht moralisch verantwortlich? Hören Sie, König. Vielleicht sind genau wir es, die diese Frage mit unseren Phänomenen stellen.

Ähm, ja, verstehe und danke für das Bier. Zerknüllt die Dose wie Phorky, was fürchterlich anbiedernd wirkt, aber was soll’s.

Und Sie sagen gar nichts, Lady?

Ich habe jetzt exakt 273 Bilder von Ihnen. Genauso viele, wie Sie haben Menschen sterben lassen, phänomenologisch betrachtet. Susan lächelt milde und packt ihr ganzes Equipment zusammen.

Eine Frage noch, König im Gehen, lassen Sie mich hier antanzen, weil Sie doch ein Problem mit der Moral bekommen, Tom?

Gute Frage, Herr König. Ich denke: das war’s wert. Was für eine Nacht.

Metropolis

– Den Maschinenraum wolltest du sehen, Tom?
– Ja.
– Dir wird nicht gefallen, was..
– Ach, so schlimm kann’s doch nicht sein. Da werden doch schon keine Menschen verfüttert, oder..
– Na, man könnte schon..
– WAS? Jetzt verarsch mich doch nicht.
– Nicht physisch. Aber ihre geistigen Innereien, die werden ausgelutscht und dann werden sie aufs Fließband gesetzt und dann geht’s nach oben in den urbanen Terror. 24 Stunden Times Square, Überfrachtung, Sinn-Chaos.
– Meine Laufräder.
– Exacto.
– Und wir? Wir stellen hier auch was fürs Fließband her? Den Instant-Roman, den man schon lesen kann, bevor er fertig ist, oder während er verfertigt wird? Können wir dann auch schon in die Zukunft zappen? Wie wird das denn enden?
– Ach, Fragen, Fragen. Orakelantworten kann ich nicht geben — aber ein paar vernünftige Fragen wären schon mal nicht schlecht.
– Zum Beispiel?
– Warum überhaupt einen Roman? Was soll diese Gattung denn noch? Weil sich unser zersplittert-postmodernes Ich nicht anders aushauchen könnte als in dieser verkommen-überkommenen Form? Warum nicht ein Frag-ment. (die letzten Worte sprach Phorkyas stakkatoartig und unterstrich es mit hackenden Bewegungen, als teilte er die Textbausteine in ihre Einzelteile)
– … (unsicher) Du meinst das wäre eine Frage, die uns weiterbrächte und nicht an den Rand der Zerstörung?
– (ein Leuchten trat in seine Augen) Ja, aber genau da müssen wir doch hin, an den Rand des Chaos, den Abgrund, das Nichts.