Intermezzos Karma

Tom schlendert durch seinen Garten (Was soll er sonst tun? Im Script ist ihm Pause verordnet), wo ihn die Eingebung mit atemraubender Zuverlässigkeit zu treffen pflegt.

Eingebung: So leer wie das Universum in Wirklichkeit ist, so schwer ist diese Wahrheit zu erkennen. Aber nur schon ein Blick in den Autopoetikerblog lässt die Leerheit mit einem Schlag als Realität über allen Sümpfen und Hochhäusern aufscheinen.

Tom: Ja, genau. Wir haben mit den Autopo(i)etikern ein perfektes Modell geschaffen für die wirkliche Realität der Leerheit. Das ist ein wahres Meta-Meisterwerk.

Ankunft in Arcachon oder Kurze Selbstbespiegelung eines risikobereiten Sommerfrischlers

Aaaaaah. Auf der Hotelterrasse des Les Bains d’Arguin in Arcachon lässt Rod die Sache erstmal langsam angehen. Ja, Urlaub dort, wo der algenfrische, salzige Atlantikduft die edlen Weinreben des Médoc zwischen rauschenden Kiefernwäldern küsst. Meine Fresse. Hier, mit Blick auf die gleißenden Segel, auf die herrliche Joy wartend. Die noch schnell den Proviant zusammenkauft für die nachmittägliche herrliche Bootstour. Und dann dieser herrliche Apfelstrudel hier und dieser herrliche Espresso und… Scheiße, was soll denn dieses Dosenbier an so einem perfekten Ort?! Aber da kommt auch noch ein alter, stinkender Penner aus dem Gebüsch, krallt sich die Dose und… blöd gelaufen. Gerade jetzt streikt Rods Kamera. Nur gut, dass er die unwahrscheinliche Szene vor dem Auftritt des Penners festgehalten hat, sonst würd’s ihm wieder keine Sau glauben. Nicht mal Joy.

Nicht Mona Lisa

Früüüüüüüüüüüühstück

Aaah, frischer Kaffee, Rod du bist manchmal doch ein echter Goldschatz.

Was heißt hier manchmal?

Na, es gab schon andere Tage.

Rod setzt mit einem wohligen Ächzen seinen massigen Körper auf den filigranen Stuhl, schenkt seiner Flamme grinsend Kaffee ein, sich selbst natürlich auch und schmeißt zwei Löffel braunen Zucker in seine Tasse. Dann schweift sein Blick über den schon reichlich abgegrasten Frühstückstisch. Frische Brötchen sind alle, die Butter schon lange matschig und ranzig, der Tisch voller Marmeladenflecken und die gute Zeit liegt zerlegt in ihre Einzelseiten auf dem halbwegs freien Teil des Tisches, dazwischen liegen leergelöffelte Joghurtbecher und Müeslischalen, zerbröselte Eierschalenteile, Kippen und verstreute Asche, jede Menge Landkarten und ein sehr großer, schwerer Weltatlas. Ein wüstes Gelage ohne jeglichen ornamentalischen Ordnungsimpuls. Joy beginnt genüsslich ihren Kaffee zu schlürfen.

Ich mag’s wenn man sich ein bisschen mehr Zeit fürs Frühstück gönnt als gewöhnlich, sagt sie ihre schlanken Glieder reckend.

Nu ja, ein bisschen? Unser Frühstück ziehen wir schon fast zwei Wochen durch. Denke mal, wir sollten’s fürs Guinessbuch anmelden.

Man gönnt sich ja sonst nix…

Was vor zwei Stunden geschah
Joy tippt und scrollt mit spitzen Fingern auf ihrem Tablet-Computer und Rod schaufelt grad sein achtes Müesli, diesmal mit gepopptem Amaranth und frischer Ananas in seinen gierigen Schlund.

Tut sich wieder was bei den Autopoieten, Rod. Da ist jetzt neu eine Dame mit im Team.

Eine Dame, echt?

Ja, ohneeinander mit Namen, soll wohl irgendwie an Martin Walser gemahnen… aber dafür macht sich einer dünn Richtung Patagonien.

Patagonien? Echt? Wahnsinn! Hat aber ganz schön Stil. Ich hab’s dir gesagt, Joy, diese Gangster sind immer für ’ne Überraschung gut.

Jaja, du sagst es. Übrigens Patagonien… Ich meine, Rod, wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, könnten wir wieder mal Urlaub machen.

Urlaub? Ja, klar, Joy! Urlaub. Ab in die Ferien. Dass ich da selber nich drauf komme. Warte, ich hol‘ mal ein bisschen Inspiration.

Rod geht ab und kommt alsbald mit zwei Dutzend Landkarten und einem riesigen Atlas beladen zurück.

Schau mal, ich hab‘ sogar ’ne super Karte von der Mongolei. Wär‘ doch was, Joy, diese endlosen, staubigen Steppen?

Sommer in der Mongolei? Nee, ich weiß nicht so recht. Und nach einer kurzen Pause: Wir könnten in die Dordogne fahren.

Wau, denkt Rod. Ihr Satz hallt nach, in seinen Synapsen. „Wir könnten in die Dordogne fahren.“ Wahnsinn. „Wir könnten in die Dordogne fahren.“ Wie sie das sagt. So leicht, so unendlich leicht. Und diese Satzmelodie, hehre Musik! Wenn er seiner Joy nicht schon längst ergeben gewesen wäre, dieser Satz alleine hätte ihn vollends in ihren Bann gezogen.

Jaaa, was? Du sagst ja gar nichts, Rod. Keine gute Idee? Oder sonst eine schöne Gegend in Aquitanien. Arcachon am Atlantik wäre ganz toll zum Segeln und die Weine des Médocs am Abend beim Sonnenuntergang im Meer… stell dir das vor.

Wau! Aquitanien, Wein, Segeln, Médoc… Wie sie das alles sagt! Als wäre sie dort zuhause und gerade mal eben rüber gehüpft, um den ollen Rod an diese versoffne Atlantikküste zu verführen.

Okay, Joy, such‘ doch schon mal ein Hotel in Arcachon und zeigt mit seinem Vollmondgesicht Richtung Tablet-Computer.

Eine Reflexion über das Ornament

In der Form seiner Nichtdekadenz bringt das Ornament das Wesentliche einer ihm übergeordneten Konzeption mit hervor und macht sie offenbar. — Drei Fragen in einem Satz: Es wären zunächst das Ornament selbst, dann seine Nichtdekadenz und abschließend was das Wesentliche eigentlich ist, zu klären. Ich erkannte seine Stimme sofort wieder, der alte Mann saß im Halbschatten auf derselben Bank zwischen den hohen Kastanien. Ich ging zu ihm, möglichst ohne im Kies zu scharren und hörte ihm zu. Vielleicht habe ich mich verrannt, weil ich mit zu großen Schritten vorwärts geeilt bin. Er hatte sein smart-phone bei sich und sprach in das Mikrophon an seinem Gehäuse. Weiterlesen