Schlussklappe!

Es reicht, Freunde! 112 Beiträge von 5 namhaften Autoren bzw. 4 und einer ebensolchen Autorin mit einem fantastischen Finale. Wie haben wir mitgefiebert, aber es war nicht umsonst. Die Bombe hat alle bisherigen filmisch festgehaltenen Explosionen getoppt. Jegliches Warum? wurde von ihr zerfetzt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir einen solchen Erfolg würden je feiern können. Apokalypse Now („I love the smell of napalm in the morning […] Smells like – victory.“) sieht im Vergleich dazu aus, wie ein verkrampftes Schulbubenvideo.

Gut, das Ganze geht jetzt ab in den Druck und in 107 Tagen, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse kommt der Megaseller auf den Markt. Zwischen zwei echten Pappdeckeln funkelt auf Hochglanzpapier das erste wirklich interaktive Buch. Man wird es liken und Kommentare hineinschreiben können wie in einem richtigen Blog! Fantastisch.

Okay, Freunde. Wir treffen uns am 10. Oktober, Punkt 8 Uhr vor der Halle 4.2. Codewort: „Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!“ Alles weitere vor Ort (Schampus steht bereit!).

Philosophie und Literatur

Ein Fetzen Papier, krakelige Schrift und altbackene Sprache, aber trotzdem interessant.

…knappt gefasst, versucht die Philosophie aller Länder und Zeiten, den Dingen und Erscheinungen auf den Grund zu gehen, gerade dort, wo sie diese als Täuschungen entlarvt oder zeigt, dass wir dies gar nicht können. Philosophie bedeutet Wahrheit und Verbindlichkeit, Verstand und Vernunft, Zweifel und Gültigkeit, Kausalität und Gesetz, Kritik und Argument.

Ganz anders die Literatur, sie macht sich mit der Fiktionalität gemein um dann doch, aporetisch und unter der Hand, Aussagen allgemeiner Natur zu tätigen. Man hat den Literaten und insbesondere den Dichtern deswegen immer wieder Vorhaltungen gemacht, sie verlogen genannt, Wahrheitsverweigerer und Schönredner, darüber aber vergessen, dass all das nur dann gegolten hätte, wenn sie ihr Tun aus dem Bewusstsein verloren hätten und gewiss, die Zahl derjenigen war wohl ähnlich gering, wie die jener Philosophen, die bemerkt hatten, wie sehr sie ihre Vorstellungen mit der Realität in eins setzten und verwechselten; man kann (mit etwas Rücksichtnahme auf die Letztgenannten) festhalten, dass die Frage, welches Unterfangen das naivere ist, unentschieden bleiben muss.

Individualität und Subjektivität waren in der Philosophie selten anzutreffen, und wo sie einem begegneten wurden sie rasch plattgemacht oder im Notfall übergangen, denn niemand interessierte dort, wie Pferde aussehen konnten, viel eher war es die Idee des Pferdes, die Begeisterungsstürme entfachte (und selbst dort, wo man sich den Ideen verweigerte, interessierte keinen wie ein Pferd aussah oder was es fraß). In der Literatur war das natürlich anders, das Pferd durfte wohl erfunden, musste aber konkret sein, fleischlich, sinnlich fassbar und liebenswert. Ideen, sagte man dort, waren Gedanken, die man aus ihren bemitleidenswerten Körpern (und vor allem: Köpfen) entlassen hatte.

Auch an den Begriffen der Darstellung und der Reflexion lassen sich wesentliche Unterschiede benennen: Die philosophische Reflexion zerfetzt nicht nur die Darstellung, es ist ihre ureigenste Aufgabe, Täuschungen jeglicher Art zu beseitigen. (Was man dort anfangs allerdings vergaß: Der, der niemand traut landet irgendwann im Solipsismus.) Die Literatur wiederum, macht diese philosophische Tugend zu ihrer Magd und lässt sie niemals vom Zaum und damit an den Grund der Dinge: Den Darstellenden interessiert seine Darstellung und nicht, ob sie sich vielleicht doch als ein an der Wand tanzender Schatten heraus stellt. Die Philosophen haben die Literaten darauf hin feige genannt und…

MRR: Klar und deutlich sprechen/schreiben

Ein Text soll bittschön eindeutig, klar und durchsichtig sein. Wie wenn das so einfach wäre! Nehmen wir doch einmal einen der berühmtesten Sätze überhaupt:

Ich denke, also bin ich.

Niemand, pardon: fast niemand liest Descartes Meditationen. Aber den Satz, diesen einen, glauben alle verstanden zu haben. So klar, so eindeutig! Vor allem so ästhetisch erhaben, denn er beweist mich.

Na?

Schauen wir mal näher hin, so bleibt von Eindeutigkeit eine bloße Tautologie. Der Satz ist, ich glaube mich zu erinnern, dass Hegel dieses Urteil schon sprach, sogar eine doppelte Tautologie. Im hegelschen Sinne war ja mit „Ich“ vor allem das Denken konzeptualisiert. Insofern ist „Ich denke“ schon mal hegelianisch gedacht eine Leerformel. „Also bin ich“, da kommt das Denkende Ich zum zweiten mal dahergelaufen und folglich, da das Bezeichnete dem Bezeichnenden identisch ist, muss der Satz – Frau Dr. Clara Vogelsang wird mir zustimmen müssen – in letzter Konsequenz heißen: „Ich denke, dass ich denke.“ Als Mystiker würde ich die Sache vereinfachen: „Denken ist der Fall.“ Oder noch einfacher: „Denken.“ Also ein roher Schrei!

Ist das Literatur? He, ja, vielleicht!

Miniatürchen den Königsmord betreffend

Tom?
Ja.
Ähm, wie war das noch mal mit dem Johann König?
Ja, der ist Matsch. Hat sich zu weit aus dem Fenster… du weißt schon.
Nix weiß ich. Erzähl doch.
Na, viel weiß man eben nicht. Er hat dem Kattaun in die DNA gespuckt. Das war wohl sein Verhängnis.
Geht doch gar nicht, Tom. Wie kann einer in die DNA spucken?
Na, in die Probe, die DNA-Probe halt. Da wird alles probiert in der Forensik, Susan.
Und dann?
Nix. Keine Leiche, nur Indizien, unter Schnee begraben.
Schnee? Krieg ich auch ne Linie? Hehe, kleiner Scherz. Und dann?
Er muss es wohl gewesen sein.
Wer?
Kattaun.
Warum?
Hatte kein Alibi. Als Einziger. Also, die Sache ist klar. Wo’s doch um die versaute DNA seines Bruders geht…
Und die Mordwaffe?
Rotz, einfach Rotz. Wusste auch nicht, dass das hinhaut.

Wege des Herzens

Was stand da? Tom kramte seine Lesebrille aus der Jackentasche. „Wandle stets auf den Wegen des Herzens“. Ein Teebeutelspruch. Nun, davon konnte man wohl kaum sterben. Er saß nach durchraster Nacht in diesem Caféhaus in Düsseldorf oder war es Duisburg? Egal.

Schätzchen! Jetzt brauch‘ ich noch einen Espresso. Einen doppelten, bitte.

Kunststudentin Elfriede, im Nebenamt Caféhausbedienung, nickte und dachte: alter Penner. Und: Ob der wohl solvent ist? Schließlich hatte er schon ein Existenzialistenfrühstück, einen ayurvedischen Tee mit Ingwerundlimettengeschmack und zwei Stück Herrentorte verschlungen. Sie knallte ihm den Espresso auf den Tisch und räumte den Weg des Herzens ab.

Toms Blick schweifte durch den Orchideenwald im Fenster nach draußen auf seinen ziemlich zerbeulten schwarzen Alfa Romeo Spider. Wie in einem mittelprächtigen Roadmovie stand sein offenes Cabrio direkt vor dem Lokal, wenn auch im Parkverbot. Da gab es keine Kompromisse. Natürlich regnete es in Strömen. Doch auch das war jetzt egal. Der Espresso war mies. Das war nicht egal. Am Nebentisch schrien Mutter und Kleinkind um die Wette.

Die Beulen im schwarzen Blech? Ja, das lief grad in einer Endlosschlaufe im Qualitätssender: Wie er Bleifuß gab vor dem Kölner Dom, Phorky in seinem Chevrolet Camaro SS dicht auf den Felgen und dann die große Treppe hinunter. Der tiefer gelegte Camaro rotzte auf den Stufen funkensprühend Blech, Kotblech. Holly warf durch die längst zerschossene Heckscheibe mit schwarzen Go-Steinen um sich.

Nur schwarze Steine! Phorky bestand darauf. Toms Spider heulte auf, die Menschen auf der Treppe zerstoben schreiend in alle Richtungen. Tom sah sich nun auf dieser verwackelten Handycam-Aufnahme einer mexikanischen Touristin in wilder Fahrt auf Phorkys Camaro schießend. Doch der Killer entkam, wie durch ein Wunder. Und in Köln gab es – noch ein Wunder – keine Opfer zu beklagen.

Dazu der TV-Kommentar. Noch nie habe die Republik seit Ende des Weltkriegs so ein Grauen erlebt. Sie trug schwarz oder halbmast, die Republik, hörte sehr schwere Musik, vorzugsweise Mahler. Analysen, klare Argumente, warum das geschehen konnte, und warum gerade jetzt: Die Feuilletonseiten waren voll davon; begannen mit: das Unbegreifliche, das Undenkbare, das Unerhörte, das Unaussprechliche. Die Vorsilbe Un- hatte Hochkonjunktur. Wie ein Schriftsteller zum Massenmörder werden konnte. Ob es an seiner Schreibe lag; war es da schon angelegt im Keim oder in der DNA? Sein bislang mageres Werk wurde zerlegt und obduziert von Sprachgelehrten und -besoffenen. Der Boulevard feierte seinen Heimsieg. Ein Extrablatt jagte das nächste. Der Bundespräsident übte die Trauerrede für die Hinterbliebenen.

Ich stell mal um, sagte Schätzchen Elfriede und dann lief ein Spiel der 2. Bundesliga.

Tom ging die Meldungen der letzten Stunden nochmals in Gedanken durch. Ein Verdacht machte sich in seinen müden Hirnwindungen breit. Das Mädchen, dessen Name nirgends in den Medien auftauchte, das behauptete, Phorky schreibe die Menschen einfach tot, war es nicht Holly? Die kleine, blasse Fuffzehnjährige mit den Sommersprossen im Gesicht? Holly, die einfach die Seiten gewechselt hatte?

Holly, auf die ein Wood vergeblich gewartet hatte, die ein Castingstar werden wollte?

Um 11 Uhr war eine Pressekonferenz mit Ermittlungsergebnissen angesagt. Kommissar Kattaun würde wohl die Identität dieses Mädchens preisgeben. Mehr hatte er nicht, abgesehen von ein paar schwarzen Go-Steinen.

Trauerkloßtage

„Herr Lafcadio, Ihre Bewerbung ist wirklich sehr gut; die Noten, da stimmt schon alles, ihr Profil — über Ihr analytisches Denkvermögen müssen wir gar nicht erst reden. Es ist da nur diese eine Frage, diese eine Lücke in Ihrem Lebenslauf. Was haben Sie denn da in der ganzen Zeit gemacht. drei Jahre tabula rasa — Ein Verrückter habe Sie in seinen Keller gesperrt und Sie dort untertage, im Kellerloch, Romane schreiben lassen, die keiner lesen will, das wollen Sie allen Ernstes..?“

*

für Mete

Es war fehlgeschlagen. Es war wieder ins Platte und Literarische abgeglitten, dahingleitend über die Oberfläche der Seinswirklichkeit, als sollte ihm damit bewiesen werden, daß er selber es nicht besser verdiente, ja daß er sich in einem literarischen Nirgenwo befand, das nicht einmal die äußerste Oberfläche einer Oberfläche ist, die an nichts grenzt, an keine Himmels-, an keine Erdentiefe, höchstens an den Hohlraum der Schönheit. S. 236 „Tod des Vergil“

Denn diese Liebeswirklichkeit, gerade sie, die den Tod in sich einschließt und damit aufhebt, so daß er zu wahrer Unsterblichkeit sich wandelt, gerade sie war ihm dem überschätzten Dichter Vergil, ein für allemal versagt; hohl war alles, was er gesungen hatte, hohl sogar die Äneis, Geicht wie Dichter auf den eigenen kalten Kreis beschränkt, und er hatte nichts zu lehren; selbest dem Cebes, selbst ihm, welcher auf das zärtlichste und hingebungsvollste sein Schüler hatte werden wollen, hatte er sich bloß zugneigt, weil er sich selber in der Spiegelung dieses Jünglings geliebt hatte, um ihn — ach, und so war es wie unter Dämonenbefehl geschehen — nach seinem eigenen Ebenbild zu einem kalten, schönheitsbesessenen Literaten zu formen. S. 240f „Tod des Vergil“

Diese Literatur mag brennen; natürlich hatte er keine Bücher im Ofen verfeuert. Wo man Bücher verbrennt, da röstet man Menschen auch im hohlen Ochsen des Phalaris, damit aus dessem Maul schöne Gesänge erklängen. Schönklang, und -färberei sei also zu vermeiden? Nein, nichts sei verboten, nichts geboten. Am Abhang gilt es Fahrt aufzunehmen und die galoppierende Zeile sich selbst überholen zu lassen, dass in allem Altbekannten das Unmögliche feinädrig sich zeige: ein neuer Ton, eine neue Stimme.

*

Er ist tot, bald lebt er.