Noch eine kleine Explosion

Rod saß im Hawaiihemd auf seinem riesigen gelben Schalenkoffer mitten im Entrée des Hotels Les Bains d’Arguin, was fürchterlich läppisch aussah. Die schicken französischen Gäste umrundeten ihn mit missbilligenden Blicken.

Was machst du da mit dem Koffer, Rod, bist du verrückt? Joy kam gerade von ihrer morgendlichen Shoppingtour durch Arcachon zurück.

Es geht heimwärts, Prinzessin.

Heimwärts? Wir haben uns doch erst gerade so richtig eingelebt. Was soll das, Rod? Gefällt’s dir nicht mehr hier? Die Schnauze voll vom Segeln? Die letzte Frage mit einem unterdrückten Lächeln…

Nun ja, gestern vollführten die beiden eine Patenthalse. Und Rod wurde vom Großbaum über Bord gefegt. Zum Glück war’s etwas flau und der Baum somit nicht in tödlicher Fahrt. Aber es dauerte ein Weilchen, bis die grazile Joy den fetten und benommenen Rod aus dem Atlantik zu fischen vermochte.

Hab‘ ich dir nicht gesagt, bei raumem Wind sollst du verdammt noch mal den Baum im Auge behalten?

Er hatte mich im Auge, so war’s halt. Und dann zischte er sich ein tschechisches Dosenbier rein. Und noch eins und noch eins. Aber alkoholfrei.

Und nun saß er da mit blauem Auge auf gepacktem Koffer, der sich unter seinem Gewicht gefährlich in die Breite wölbte. Wenn es längst als wissenschaftlich erwiesen galt, dass die Unfallpersönlichkeit nicht existierte, Rod war dennoch ganz klar eine solche. Überall wo was schiefgehen konnte, hatte Rod seine feisten Finger im Spiel.

Prinzessin, sei so lieb und pack deine sieben Sachen. Wir müssen. Ich kümmere mich um die Hotelrechnung.

Aber Pummelchen. Jetzt gib mir erst einen vernünftigen Grund! Mir gefällt’s hier. Komm, Rödele. Wir legen heute einen segelfreien Tag ein, damit sich dein Brummschädel erholt und ab morgen heißt’s wieder: Schiff ahoi!

Du weißt, Prinzessin, wir sind nicht frei in unseren Entscheidungen. Die Autopoietiker haben uns an der Leine. Und Tom schreibt uns die Heimreise vor.

Tom? Na warte. Ich ruf‘ den gleich an und geig‘ ihm die Meinung. Joy zückte tatsächlich ihr iDingens und wählte Toms Nummer. Doch da war keiner.

Autopoietiker. Wenn ich das schon höre. Die sind doch voll in der Krise. Was wollen diese Knalltüten unsern Urlaub bestimmen? Rod, das kannst du dir nicht gefallen lassen. Sei mal Manns genug und wehr‘ dich!

Ja, wie denn?! rief er verzweifelt und dabei hopste er auf seinem Koffer kurz auf und ab. Ein bisschen zu heftig dann. Denn jetzt tat es einen lauten Knall. Der Schalenkoffer, der eigentlich als garantiert unzerstörbar galt, zerbarst und Rods schmutzige Wäsche, seine bunte Reiseliteratur, sein Rasierzeug, sein iDingens und alle seine Karten und Seekarten und…, kurz der ganze Inhalt verteilte sich in der Hotelhalle. Rod fiel rücklings zu Boden und renkte sich die linke Schulter aus.

Du meine Güte, murmelte Joy und alle Augen richteten sich auf das bizarre Paar aus Berlin.

Intermezzos Karma

Tom schlendert durch seinen Garten (Was soll er sonst tun? Im Script ist ihm Pause verordnet), wo ihn die Eingebung mit atemraubender Zuverlässigkeit zu treffen pflegt.

Eingebung: So leer wie das Universum in Wirklichkeit ist, so schwer ist diese Wahrheit zu erkennen. Aber nur schon ein Blick in den Autopoetikerblog lässt die Leerheit mit einem Schlag als Realität über allen Sümpfen und Hochhäusern aufscheinen.

Tom: Ja, genau. Wir haben mit den Autopo(i)etikern ein perfektes Modell geschaffen für die wirkliche Realität der Leerheit. Das ist ein wahres Meta-Meisterwerk.

In der Mausefalle

Tom, gerade erst aufgewacht, erinnert sich sogleich an die unangenehme Szene mit mete gestern Abend und konnte immer noch nicht recht glauben, was er da gehört hatte. Aber was tun?

Um 15 Uhr treffen wir uns im Café Royal, Tom. Dann planen wir die Sache, hatte mete noch beim Abschied mit entschlossener Miene gesagt.

Ist noch ein Weilchen hin, dachte Tom. Erstmal Frühstück. Sein Blick streifte das Telefon.
Warum nicht Phorky einfach mal anrufen? Ihn warnen? Alles wegen Bollmann! Wie würde Phorky… Nee, der nähme das doch gar nicht ernst. Oder? Scheiße. Ich weiß wieder mal überhaupt nicht weiter! Jetzt ruf‘ ich ihn sofort an. – Noch vor dem Kaffee! Welche Nummer hat denn Phorky? Tom kannte seine E-mail-Adresse, ja seine IP-Nummer, aber die Handynummer?

Rechner starten, das Örtliche aufrufen, Phorky reintippen und voilà: ein Ergebnis! Genau eins. Was will ich weniger, dachte Tom, die Zahlen tippend.
Hallo?
Ja, Phorky, alter Kumpel.
Wer ist da bitte?
Der Tom, Phorky. Ach jo, meine Stimme hast du ja noch nie gehört. Haha.
Tom, okay, also der Autopoietiker?
Ja, echt. Ich bin’s! Hätt’st du nicht gedacht was? Haha.
Hör mal Tom, das ist jetzt ungünstig, bin grad mitten in einer schwierigen Go-Partie.
Eine Go-Partie? Morgens um 10?
Ja, sind nicht alle so Langschläfer wie du. Und wenn ich mich nicht konzentriere hier, dann tappe ich gleich in eine Mausefalle.
Mausefalle? Ja, äh, genau. Mausefalle. Ich meine, Phorky, deshalb ruf ich doch an.
Deshalb? Ich glaub du spinnst wohl, Tom, irgendwie. Seit wann wüsstest du beim Go-Spiel Bescheid? Ruf mich am Abend an, wenn’s denn sein muss oder noch besser, schreib mir ne mail.
Moment, nicht auflegen. Am Abend ist es vielleicht schon zu spät. Ähm, mete, du weißt schon, mete, der ist mächtig sauer auf dich, Phorky.
Das kommt vor, Tom.
Ja, aber er sprach vom Endspiel, Phorky! Wörtlich: Fin de partie!
Ja, Tom, wenn du nicht gleich die Klappe hältst, verlier‘ ich die Partie hier wirklich noch.
Äh, ja. Nu, Phorky, ich hab’s dir also gesagt. Haha. Ich weiß auch nicht. Du, äh, dann viel Glück noch fürs Endspiel, Phorky. Ich meine, sowohl dieses wie…
Tom, war’s das? Du nervst.

Ankunft in Arcachon oder Kurze Selbstbespiegelung eines risikobereiten Sommerfrischlers

Aaaaaah. Auf der Hotelterrasse des Les Bains d’Arguin in Arcachon lässt Rod die Sache erstmal langsam angehen. Ja, Urlaub dort, wo der algenfrische, salzige Atlantikduft die edlen Weinreben des Médoc zwischen rauschenden Kiefernwäldern küsst. Meine Fresse. Hier, mit Blick auf die gleißenden Segel, auf die herrliche Joy wartend. Die noch schnell den Proviant zusammenkauft für die nachmittägliche herrliche Bootstour. Und dann dieser herrliche Apfelstrudel hier und dieser herrliche Espresso und… Scheiße, was soll denn dieses Dosenbier an so einem perfekten Ort?! Aber da kommt auch noch ein alter, stinkender Penner aus dem Gebüsch, krallt sich die Dose und… blöd gelaufen. Gerade jetzt streikt Rods Kamera. Nur gut, dass er die unwahrscheinliche Szene vor dem Auftritt des Penners festgehalten hat, sonst würd’s ihm wieder keine Sau glauben. Nicht mal Joy.

Nicht Mona Lisa

Publikumbeschimpfung

[Unruhe im Zuschauersaal]

Was soll denn das wieder? Immer werden wir hier von den Beiträgen angetrollt. „Kommentarwichserei“, sollen wir betrieben haben, nein „Netzmasturbation“, weil wir einen Text nicht genügend missachtet haben, dabei sind wir, das Publikum, doch nicht einmal da. Meint er also sich selbst? Aber diese Reaktion will er ja von uns, dass wir uns aufregen. Ihm entgegnen. Aber sollte das imaginäre Publikum nicht auch einmal Gelegenheit haben zurückzuschimpfen? Nicht nur auf PI oder Hassblogs wie TT oder im Dschungel, seine Notdurft verrichten. Einfach mal so auf die Bühne strullern. Gegen dieses ganze Regietheater hier. Haben wir denn gar keine Rechte? [Zustimmendes Raunen, ubiquitäres Kopfnicken]
Dann mach’s doch! Hab‘ mal die Eier, Worte, einen Satz in den Boden zu rammen. Hier steh‘ ich, ich kann nicht anders! Sonst sind das doch auch nur Phrasen, nicht weniger jämmerlicher als diese ganzen Autopoietiker, die sich da alle verschanzen hinter ihren kleinen Textchen, Anspielungen. Immer in der Angst, dass ihr Text nichts sei, also schon vorher mit angezogener Handbremse,.. – Worte, Worte, das ist doch nichts anderes. Das könnte doch jetzt auch schon auf dieser Seite stehen. Diese Selbstbeleidigungsmasche haben sie doch auch schon öfter abgezogen. Wir müssten noch härter, noch durchschlagender. Noch irrer. [Tumult, Unruhe] Aber wie? Warum eigentlich? Vielleicht erscheint ja doch mal ein Text, der nicht ganz unbrauchbar, so mit einer kleinen, hübschen Idee – oder ein paar bunte Bilder. Immerhin ist doch jetzt auch eine Frau dabei. Und vielleicht muss man die Kimme nicht ins Korn werf-, äh, ach peinlich!

[Und da hatte sich die Meute schon fast gänzlich zerstreut – übrig blieb nur Phorkyas, der mal wieder die Bühne sauberwischen durfte]

Let’s talk about fiction, baby!

„Was’n dein Problem, Phorky?“
„Das is’n bissl komplizierter.“
„Na los. Hat’s mit deinen Großvätern zu tun, die jetzt beide verstorben sind und deren Tod auf deinem Blog für Fiktion gehalten wurde?“
„Das mag der Auslöser sein, dass ich da mal wieder drüber grüble.“
„Aber so richtig ist es das nicht, was dich beschäftigt. Und auch nicht, diese Fiktionalisierer, die ihr Weblog literarisieren, fiktionalisieren oder gleich ihren ganzen Avatar erfinden?“
„Ne, aber vielleicht eine gewisse Art von Theorie, der sie anhängen könnten.“
„So eine literaturwissenschaftlicher Provenienz, die das Fiktionale über alles stellt?“
„Genau die.“
„Postmodern vermutlich auch noch. Hm, hm. Und was magste daran nicht?“
„Ah ja, so: alles ist Text? Meine Bücher kann ich nicht fressen.“
„Nur metaphorisch gesprochen.“
„Naja, so gern ich gegen Naturwissenschaften polemisiere, als Naturwissenschaftler, so sehr nervt mich darin der literaturwissenschaftliche Hegemonieanspruch.“
„Sorry, aber auf den Buchstaben könnt ihr nicht zum Mond fliegen? Aber Jules Verne war doch zuerst da und vielleicht erzählt die NASA ja auch nur… Lassen wir das.“
„Besser ist das.“
„Und was soll man dann deiner Meinung nach machen? Die Pilatus-Frage stellen, oder was?“
„Na klar. ‚Was ist Wahrheit?‘ – Dichtung ganz bestimmt nicht, da muss man nicht erst Plato, Blogo oder den Goethe fragen. Aber in einem höheren Sinne geht’s dann wohl um eine Lüge zur Wahrheit oder so ähnlich.“
„Vielleicht. Was weiß ich. Aber kann ich nicht mal in Ruhe mein Dosenbier trinken. Musst du schon wieder die Taschenphilosophiererei auspackn.“

Früüüüüüüüüüüühstück

Aaah, frischer Kaffee, Rod du bist manchmal doch ein echter Goldschatz.

Was heißt hier manchmal?

Na, es gab schon andere Tage.

Rod setzt mit einem wohligen Ächzen seinen massigen Körper auf den filigranen Stuhl, schenkt seiner Flamme grinsend Kaffee ein, sich selbst natürlich auch und schmeißt zwei Löffel braunen Zucker in seine Tasse. Dann schweift sein Blick über den schon reichlich abgegrasten Frühstückstisch. Frische Brötchen sind alle, die Butter schon lange matschig und ranzig, der Tisch voller Marmeladenflecken und die gute Zeit liegt zerlegt in ihre Einzelseiten auf dem halbwegs freien Teil des Tisches, dazwischen liegen leergelöffelte Joghurtbecher und Müeslischalen, zerbröselte Eierschalenteile, Kippen und verstreute Asche, jede Menge Landkarten und ein sehr großer, schwerer Weltatlas. Ein wüstes Gelage ohne jeglichen ornamentalischen Ordnungsimpuls. Joy beginnt genüsslich ihren Kaffee zu schlürfen.

Ich mag’s wenn man sich ein bisschen mehr Zeit fürs Frühstück gönnt als gewöhnlich, sagt sie ihre schlanken Glieder reckend.

Nu ja, ein bisschen? Unser Frühstück ziehen wir schon fast zwei Wochen durch. Denke mal, wir sollten’s fürs Guinessbuch anmelden.

Man gönnt sich ja sonst nix…

Was vor zwei Stunden geschah
Joy tippt und scrollt mit spitzen Fingern auf ihrem Tablet-Computer und Rod schaufelt grad sein achtes Müesli, diesmal mit gepopptem Amaranth und frischer Ananas in seinen gierigen Schlund.

Tut sich wieder was bei den Autopoieten, Rod. Da ist jetzt neu eine Dame mit im Team.

Eine Dame, echt?

Ja, ohneeinander mit Namen, soll wohl irgendwie an Martin Walser gemahnen… aber dafür macht sich einer dünn Richtung Patagonien.

Patagonien? Echt? Wahnsinn! Hat aber ganz schön Stil. Ich hab’s dir gesagt, Joy, diese Gangster sind immer für ’ne Überraschung gut.

Jaja, du sagst es. Übrigens Patagonien… Ich meine, Rod, wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, könnten wir wieder mal Urlaub machen.

Urlaub? Ja, klar, Joy! Urlaub. Ab in die Ferien. Dass ich da selber nich drauf komme. Warte, ich hol‘ mal ein bisschen Inspiration.

Rod geht ab und kommt alsbald mit zwei Dutzend Landkarten und einem riesigen Atlas beladen zurück.

Schau mal, ich hab‘ sogar ’ne super Karte von der Mongolei. Wär‘ doch was, Joy, diese endlosen, staubigen Steppen?

Sommer in der Mongolei? Nee, ich weiß nicht so recht. Und nach einer kurzen Pause: Wir könnten in die Dordogne fahren.

Wau, denkt Rod. Ihr Satz hallt nach, in seinen Synapsen. „Wir könnten in die Dordogne fahren.“ Wahnsinn. „Wir könnten in die Dordogne fahren.“ Wie sie das sagt. So leicht, so unendlich leicht. Und diese Satzmelodie, hehre Musik! Wenn er seiner Joy nicht schon längst ergeben gewesen wäre, dieser Satz alleine hätte ihn vollends in ihren Bann gezogen.

Jaaa, was? Du sagst ja gar nichts, Rod. Keine gute Idee? Oder sonst eine schöne Gegend in Aquitanien. Arcachon am Atlantik wäre ganz toll zum Segeln und die Weine des Médocs am Abend beim Sonnenuntergang im Meer… stell dir das vor.

Wau! Aquitanien, Wein, Segeln, Médoc… Wie sie das alles sagt! Als wäre sie dort zuhause und gerade mal eben rüber gehüpft, um den ollen Rod an diese versoffne Atlantikküste zu verführen.

Okay, Joy, such‘ doch schon mal ein Hotel in Arcachon und zeigt mit seinem Vollmondgesicht Richtung Tablet-Computer.

Et in Patagonia ego

– Machst du Witze? JETZT nach Patagonien abhauen? Wo wir hier richtig durchstarten mit unseren Untersuchungen übers Ornament?
– Ich weiß, der Zeitpunkt mag etwas ungünstig sein …
– Und außerdem bringen wir doch mit Phorky schon ein Reisejournal! Sibirien und Patagonien, das ist genau dasselbe. Eis und Wind. Da springen uns die Leser scharenweise ab.
– Es gibt, na ja, im Grunde nicht so unübersehbare Scharen von …
– Ist doch jetzt egal, Phorky!
– Es geht um’s Prinzip.
– Aber, Jungs, Phorky wird eine sausende Liebesgeschichte bringen, aus dem Herzen des Sommers erzählt …
– Das ist richtig.
– Phorky!
­- … und ich bringe nur melancholische Ausdrückebergereien eines Graphomanen.
– Trotzdem ist’s eine Schweinerei.
– Dann machen wir’s halt auf einem anderen Blog!
– WAS? Noch ein Blog?
– Tom, leg das Küchenmesser hin, okay?
– Ah … ich wollt nur, ich wollt hier die Gurke …
– Schon gut, leg’s einfach hin, okay?
– Freunde, ich hatte wirklich nicht vor …
– Ruhig Blut, ja?
– Ah, Gurke … (Beißt ab). Mjam, lecker. Gurke. Gut.
– Ich berichte auf etinpatagoniaego.wordpress.com. Wie findest ihr das?
– Das wär ein Kompromiss …
– Phorky!
– Und du bestehst darauf?
– Ich hab, unter uns, nicht wirklich eine Wahl …
– Warum? Was hast du denn angestellt?
– Sie meinen, ich hätt’s mir mit ein paar wirklich wichtigen Leuten hier verdorben, im Verlagsgeschäft und im Journalismus. Ich wär wohl etwas vorlaut gewesen, sagen sie, und sie meinen, ich sollte mal ein bisschen über den Atlantik gehen, bis Gras über die Sache gewachsen ist …
– Oh, Mann. Ich fass es nicht!
– Ich werde meine Untersuchungen über Ornamentik jedenfalls fortsetzen! Bedingungslos.
– Aber klar wirst du das, mete!
– Sollen wir nicht einfach Frau Ohneeinander fragen, ob sie für Bob einspringt?
– Ja, das ist eine gute Idee, Phorky!
– Endlich kommt von dir auch mal was, Alter! Ich dacht schon, du wärst nur zum Dosenzerdrücken zu gebrauchen.
– Hey, was soll denn …
– Wie Campino.
– Sehr schmeichelhaft.
– Ja, macht das doch, Jungs! Ladet Frau Ohneeinander ein. Die Vierte im Bunde. Vielleicht könnt ihr ja irgendwo einen Hinweis auf mein Patagonienportal anbringen?
– Vielleicht.
– Verlassen würd ich mich darauf nicht.

Njiemands Land

POLONIUS. What do you read, my lord?
HAMLET. Words, words, words.

Für Liebhaber antiker Mythen das Nonplusultra: Leopold Bloom (den Kopf bereits verloren habend) zapft Polyphem, dem bösartigen Zyklopen, das Augenlicht ab. Endgültig.

Jetzt noch mal grundsätzlich: Schon der clevere Odysseus antwortete auf die polypheme Frage: „Wer hat mir das angetan?“ (nämlich das einzige Auge ausgebrannt): „Niemand.“‚
Wahrlich clever, denn von nun an würde der tobende Zyklop, immer auf der Suche nach dem Urheber seines pechschwarzen Elends, mit der Suchanfrage hausieren gehen: „Habt ihr von Niemand Kunde? Wo finde ich Niemand?“ Was man ihm darauf erwidern wird, ist leicht vorstellbar; man könnte argumentieren, ein Ungeheuer, das Menschen frisst, habe es nicht besser verdient.
Allerdings hätte Odysseus mit dem gleichen Effekt die Antwort geben können: „Jemand.“ Jemanden kann man nämlich so leicht finden, dass er vollkommen anonym bleibt — und sich somit als ein ubiquitärer, mehr noch: omnipräsenter Niemand ebenfalls der Wahrnehmung entzieht. Wirkung kann der Jemand erst entfalten, sobald er als Masse auftritt. Denn Jemand plus Jemand, das macht schon wieder Niemand, und dann noch ein paar Jemands dazu, das ergibt eine tobende Gischt von Niemandshaftigkeit, sausend, sengend, zu jeder Schandtat bereit, bereit zu Dingen, neben denen das Fressen von Menschen und das Ausbrennen von Zyklopenaugen sich ausnehmen wie … ach, Faden verloren.

Diesen Kuss dem ganzen Weltschmerz!

Ohneeinander, sagte der junge Lyriker und legte seinen schwächlichen, vom nächtelangen Ausradieren müd und dünn gewordenen Arm um die immer noch junge, wenn auch nicht mehr kindlich junge Dame, seufzte und schwieg einstweilen.
Sie saßen auf einer Bank am Ufer eines Bächleins, dessen Rauschen wir uns vorstellen müssen so dezent wie das Geflüster beflissener, liebevoller Bediensteter, die spüren, wenn der Moment gekommen ist, auf leisen Sohlen zu eilen. Flink und beständig, doch unbemerkt! Ebenso ließe sich die Tätigkeit der Mühle beschreiben, die im Hintergrund dieses Genrebildchens Holz sägte. So hübsch sah sie aus, so schmuck, dass man ihr einen echten Zweck gar nicht zugetraut hätte! Wozu Holz sägen? Wozu es verkaufen? Reichte es denn nicht, in diesem Traum zu sein? War das nicht Daseinsrechtfertigung genug, Ihr Lieben!? Verlangte der blaue Himmel denn nach Geld? Waren die weißen Wölkchen an Aktienkursen und Dividende interessiert?
Anyway.
Wir beide teilen ein Ideal der Literatur, säuselte unser Freund … dürfen wir es sagen? Sprach unser HELD der Dame seines Herzens ins Ohr. Wir möchten eine Sprache, die reich ist, die fein ist und klar, dabei aber poetisch. Rätselhaft, sicher, dem Aenigma unserer Existenz angemessen, aber doch auch wieder nicht so rätselhaft, dass unser Schlaf in Gefahr ist! Denn wir brauchen ja unseren Schlaf! Um dem Leben standhalten zu können, rief unser Lyriker, plötzlich nicht nur aufbrausend, sondern auch aufspringend und dabei die Faust in sehr deutscher, fast brauner Geste gegen die Brust hämmernd, um das Leben zu bestehen, brauchen wir alle Kraftreserven, derer wir habhaft werden können!
Die Dame mit dem verwalserten Namen blinzelte. Schwer ließ sie ihre großen Lider vor die tiefen Blicke klappen. Ihre Wimpern fächerten dabei das makellose Weiß ihrer Wangen, das belebt wurde nur von der Andeutung eines Rougeauftrags, den zurückhaltender auch Boris Entrup, der Lakai der Heidi Klum, nicht hätte vornehmen können — und hier war er das natürliche Produkt natürlicher Natur! Floß einfach so aus den Kapillaren, durchströmte, warm und natürlich, die Haut, nicht Erregung wohl, doch Erhitzung anzeigend!
Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn …
Soll das heißen … Ihr Atem stockte, ihre Stimme war belegt. Die Oberlippe, sie zitterte zaghaft. Sie räusperte sich, die Ohneeinander, jetzt total durcheinander, und blinzelte noch einmal, die Lider klappend und mit den Wimpern fächernd.
Sie setzte neu an: Soll das heißen, lieber Freund, Sie gedenken die heutige Nacht nicht in meinem Bett zu verbringen? Versteh ich Sie da richtig?
Begeistert rief unserer Reimeschmied aus: Aber nein! Wo denken Sie hin!? In Ihrem Bett!? Ich werde schreiben, meine liebe Freundin, ich werde wachen! Ich werde reimen, ich werde Verse aus meinem Herzen pressen und sie in meinem Tintenfass keltern! Und wenn Eos ihre feinen kleinen Rosenfingerchen so recht reimlexikonmäßig auf meinen Schreibtisch legt, werde ich sie küssen, werde sie mit sehnsüchtigen Jauchzern schmücken und … na ja, schloss der Lyriker, der merkte, dass er sich zu verausgaben im Begriffe stand, da wird’s hoch hergehen, im Schein der Morgenröte.
Ach, sagte das Fräulein Ohneeinander.
Rein mythologisch, natürlich, sagte der junge Dichter.
Und ihre Lippen waren blau dabei.