Inventur

Dies ist mein Avatar,
dies ist meine Gezwitscher,
hier meine digitale Haut
in einer Wolke aus Links.

Schwarzpulverrückstände:
Mein Go-Brett, meine Steine,
ich habe die letzte
Stellung mir genau eingeprägt.

Kostbare Züge und Gedanken,
die vor elektromagnetischen,
oder anderen begehrlichen
Lauschern ich verberge.

In den Kommentaren
sind manche Ideen
und einige Anspielungen,
die ich niemandem verrate,

sie bilden die Spielwiese,
Saat für neue Ideen.
Keine Wand mehr trennt
vom gemeinenden Publikum.

Diese Software
lieb ich am meisten:
Tagsüber versemmelt sie Content,
den nachts ich ganz anders erträumt.

Dies ist mein Blog,
dies ist mein Occupy-Zelt ,
dies ist mein iDings,
dies ist mein Hirn.

Devil’s staircase

„Was soll die Scheiße?“
Der Stuntman schmiss hin. Er hatte die Schnauze gestrichen voll – und er war von Bob Macha schon einiges gewöhnt gewesen. Aber nun:
„Dieser Phorkyas ist ja voll durchgeknallt. Was der für Fallen baut, da kommt kein Rambo drauf.“
„Wieso?“
„Ja, stürzt du mitten inner Verfolgungsjagd so eine Treppe runter und plötzlich bist du in einem mathematischen Gebilde!“
„Was denn?“
„Na, der Teufelstreppe von Cantor. Irgendso’n Fraktal.“
„Das, was andere Irre auch schon zu Musik gemacht haben?“
„Ja, kann sein, mir doch egal. Aber möchtest du mitten in so’nem Ding stehen, von dem du als mathematischer Laie nicht einmal weißt, obs rektifizierbar is. Da musst du dann unendlich viele Treppenstufen erklimmen, nur um einen Zentimeter weiterzukommen, da kommt man sich schon vor wie Zenons Schildkröte“
(stößt einen anerkennenden Pfiff aus)
„Schon fies dieser.., wie heißt der Irre nochmal?“
„Perelman. Ich höre immer noch sein dämonisches Lachen, als ich da.. ich mag gar nicht daran denken.“
„Ich mein‘ welche Versicherung soll denn so einen Scheiß übernehmen. Es gibt doch keine Gefahrenzulage für mathematische Stunts. So wie die rechnen gibt’s dann auch noch fünf Vorzeichenfehler, da könnte man sich doch gleich von einem schwarzen Loch in Kilometerlänge ziehen lassen..“
„Wohl wahr. Nachher ist man noch fragmentiert in so einen Cantorstaub – irgendsoeiner überabzählbaren Nullmenge. Was soll denn dann als nächstes kommen? Schicken die uns beim Segeltörn auf ne Peano-Kurve oder was?! Irre diese Typen. Kein Wunder, dass nach jedem Beitrag von diesem Kerl, die Leserzahl einstellig wird.“
„Du sagst es.“

Verschwörungswerk revisited

Das also sollte der große Plan gewesen sein? Mete warf einen abschätzigen Blick über den Zaun, wo die Bombe eifrig blinkte. Da hatten die beiden Physiker in den Kommentaren noch um radioaktives Material gebettelt, für das sie beide Connections besessen hätten und Phorkyas hatte das auch noch als Ablenkungsmanöver gedacht, um die Lochkartenberechnungen seiner Mutter zur Kernfusion zu reaktivieren, aber stattdessen hatten sie nur dieses Dreirad hier bekommen, diese Wasserbombe aus dem Chemiebaukasten. Aber nun, man musste arbeiten, mit dem was vorlag. Aber hatten die beiden sich überhaupt Gedanken gemacht, wie und wo sie die Autopoietiker überhaupt erwischen konnten? Ich mein‘, rein physisch waren die doch in alle Winde zerstreut und auch die Website war wahrscheinlich in Digitalschnipseln auf verschiedensten Servern der Welt hinterlegt. Wäre es da nicht sinnvoller gewesen, an ein Passwort zu gelangen, anstatt Bob Machas PC hochjagen zu wollen?
Während all diese Gedanken durch sein Hirn wälzten, hatte Mete vor dem kleinen Apparatchik Platz genommen und versuchte einen Überblick zu bekommen über das Schaltungswirrwarr und die miesen Lötstellen. Dass die LED regelmäßig blinkte und so zumindest dieser Teil der Schaltung funktionierte – er nahm immer noch an: der einzige funktionsfähige Teil, immerhin war es der filmrelevante Teil der Elektronik – Ach, Scheiße, durchzuckte es ihn: Sie haben wirklich kein Klischee ausgelassen. Den roten oder den blauen Draht? Übergroß ragten diese beiden Drähte in sein Gesicht, damit er und die Kamera sie auch ja nicht übersahen. Ach, seufzte er und wollte da niederkniend schon sein Schweizer Offiziersmesser zücken, dann gibt’s wohl endlich wieder mal ’ne Explosion. Aber in diesem Augenblick durchschnitten Rotorblätter die Luft und der von ihnen verursachte kräftige Wind zerrte an seiner Kleidung. Ohneeinander, aus Nizza eingeflogen, stürmte auf ihn zu:
„Lass mal die Fachfrau ran!“

Arschkarte – eine unmotivierte Rückblende

Ja, wie machen wir denn das..

Wir schneiden in die prähistorischen Zeiten des Jahres 2005 oder so, in welchem Bolli und Phorky am Kindertheater der Stadt Quadrat-Ichendorf tätig waren. Phorky hatte wie üblich die Arschkarte. Zweimal erst war er dabei gewesen, aber dummerweise hatte er sich nicht rechtzeitig hinweggeduckt als die Regisseursrolle vergeben wurde. Da saß er also da. Schweigsam meist, seine Anweisungen nur auf Anfrage den Schauspielern zuflüsternd. Das Stück: Oscar Wilde, mit einem Kumpel um ein Drittel gekürzt, komplett überarbeitet. Sehr genial. Aber in der eingeprobten Weise? Zwei Wochen vor der Premiere eine Probe mit den beiden Hauptrollen, Einzelprobe und sie zerreißen ihm das Stück – alles unlustig, keiner werde lachen. Verzweiflung, sie wollen schon künstliche Lacher einbauen. Slapstick, am besten noch, den er hasst. Was hätte er sie treten können. Und dabei war das noch harmlos in diesem ganzen Theaterwahnsinn: Theaterwochenende mit bipolaren Persönlichkeiten, auf Feldbetten in einen Raum gepfercht bei 2°C pennend – private Technik (Laptop) durch nächtlichen Biereinfluss zerstört, die 8m-Leiter, die nicht in den Sprinter ging, zu Fuß 4km durch die Stadt schleppend, weil sonst die Scheinwerfer nicht aufgehängt werden könnten, wonach die Generalprobe einen Tag vor Aufführung um ein Uhr nachts begann. Ach, wie vermisst er das. Und auch die verrückte Joy, als sie die rosa Plüsch-Batman-Ohren aufhatte, die sie dann leider verlor nachdem sie, ihn und auch sich selbst mit Sekt aus Frühstücksschüsseln abgefüllt hatte, und er sich dann um sechs Uhr morgens auf dem harten Tisch vor dem Theatersaal neben dem Bafögamt für ein paar Stunden hinlegte, weil danach alles abgebaut werden musste, wobei er dann völlig verkatert auf der sechs Meter hohen Leiter schwankte.

Äh, aber das wollte er ja eigentlich gar nicht erzählen, sondern diese eine Begebenheit, als sie dann nach der dritten Aufführung mit der Theatertruppe über den Ichendorfer Jahrmarkt zogen und Bolli, der Ex-Boxer, unbedingt in diese Kirmesboxbude wollte. Da, wo man sich von Amateurboxern ein paar auf die Fresse geben lassen kann. Adrenalin. Ein bisschen wie auf der Bühne stehen. Da muss man sich auch mal überwinden, die Hemmungen, inneren Barrieren und wenn man dann da steht bei der Premiere, ist man so hormongeflutet, dass man eh gar nichts mehr mitbekommt und sich für John Malkovich hält. Warum also nicht. Die anderen kniffen zwar, wollten sich aber zumindest anschauen wie Bolli und Phorky aufgemischt werden. Was soll ich sagen, der Hänftling dieser Phorky, der war nach zwei Schlägen schon weg, zog ne lange kieferorthopädische Behandlung nach sich, in der ein Vorderzahn durch einen Eckzahn ersetzt werden musste. Bolli, der war dann schon was zäher. Kräftige Statur und auch die Technik um ordentlich Kraft in den Schlag zu legen. Leider hatte er dann so nen tänzelnden Schmetterlings-Bienen-Ali, der auch schnell ein paar Wirkungstreffer landete. Runde 2 ging er dann schon auf die Bretter.

Taumelten die zwei also etwas meschugge aber irgendwie glücklich aus der Bude: Geil, machen wir wieder. Ja, fast so toll wie untrainiert en Marathon laufen. Yeah!

Publikumbeschimpfung

[Unruhe im Zuschauersaal]

Was soll denn das wieder? Immer werden wir hier von den Beiträgen angetrollt. „Kommentarwichserei“, sollen wir betrieben haben, nein „Netzmasturbation“, weil wir einen Text nicht genügend missachtet haben, dabei sind wir, das Publikum, doch nicht einmal da. Meint er also sich selbst? Aber diese Reaktion will er ja von uns, dass wir uns aufregen. Ihm entgegnen. Aber sollte das imaginäre Publikum nicht auch einmal Gelegenheit haben zurückzuschimpfen? Nicht nur auf PI oder Hassblogs wie TT oder im Dschungel, seine Notdurft verrichten. Einfach mal so auf die Bühne strullern. Gegen dieses ganze Regietheater hier. Haben wir denn gar keine Rechte? [Zustimmendes Raunen, ubiquitäres Kopfnicken]
Dann mach’s doch! Hab‘ mal die Eier, Worte, einen Satz in den Boden zu rammen. Hier steh‘ ich, ich kann nicht anders! Sonst sind das doch auch nur Phrasen, nicht weniger jämmerlicher als diese ganzen Autopoietiker, die sich da alle verschanzen hinter ihren kleinen Textchen, Anspielungen. Immer in der Angst, dass ihr Text nichts sei, also schon vorher mit angezogener Handbremse,.. – Worte, Worte, das ist doch nichts anderes. Das könnte doch jetzt auch schon auf dieser Seite stehen. Diese Selbstbeleidigungsmasche haben sie doch auch schon öfter abgezogen. Wir müssten noch härter, noch durchschlagender. Noch irrer. [Tumult, Unruhe] Aber wie? Warum eigentlich? Vielleicht erscheint ja doch mal ein Text, der nicht ganz unbrauchbar, so mit einer kleinen, hübschen Idee – oder ein paar bunte Bilder. Immerhin ist doch jetzt auch eine Frau dabei. Und vielleicht muss man die Kimme nicht ins Korn werf-, äh, ach peinlich!

[Und da hatte sich die Meute schon fast gänzlich zerstreut – übrig blieb nur Phorkyas, der mal wieder die Bühne sauberwischen durfte]

Parallelwelten am Ende des Kabels

Irgendwie ist da doch der Wurm drin in diesem Blog, dachte Phorkyas. Bildstörungen. Vielleicht ist der Heisenberg-Destabilisator ausgefallen und die Parallelwelten interferieren, so dass man mal rüberschauen kann, wohin man sonst nie blicken könnte. Konferenzschaltung. Nach Patagonien, wo Bob ins Gesicht gefurzt wird oder in den Dschungel, wo Blutegel gejagt werden und irgendwie alles durcheinandergerät. KGB. Mönchsgärten mit Ornamentik. Er trat einmal gegen seinen imaginären Fernseher und das Bild wurde wieder scharf wie auf dem Körper der Teletubbies.

Da trat Blogo ihm mächtig ins Gemächt.
„So infantil woll’n wer dann doch mal nicht werden. Wir sind hier doch keine achtzehn mehr.“
Schnitt. Und er freute sich endlich wieder über den Live-Stream von der Schachweltmeisterschaft. Ach, wie gerne würde er sich auch von Viktor Kortschnoi beleidigen lassen. Dieser nun schon über Neunzigjährige gehört seit 1956 zu den weltbesten Schachspielern und einer der Schachkommentatoren erzählte von einer Begegnung mit ihm, die er gewonnen hatte. Nach der Begegnung habe Viktor nichts gesagt, aber später sei er ihm noch einmal im Fahrstuhl begegnet und da gab ihm der alte Großmeister ein paar warme Worte mit auf dem Weg: Er hätte die Partie leicht ausgleichen können, aber das sei zu langweilig gewesen. Er sei ein sehr oberflächlicher Schachspieler. – Der Kommentator war sichtlich stolz auf diese Anekdote, weil er immerhin eine Beleidigung wert..

„Au, warum hast du denn schon wieder,.. Blogo?“
„Du hast es einfach verdient. Was soll denn die Schachscheiße hier.“
„Wir müssen auch an unsere betagtere Zielgruppe denken, die wird doch, demographischer Wandel und so, weissu…“
„Nein.“
„Au!“

MEEETEEE! Wo ist denn hier die Qualitätssicherung, wenn man sie mal braucht. Oder weiß Tom vielleicht wie man nen Zweihänder ordentlich führt, dann könnte er so machetenmäßig in diesen Texten mal für Ordnung sorgen, sonst wuchert das hier noch über alle Vernunftgrenzen hinweg. Wo ist denn der alte Hexenmeister? Blogo! Wenn wir hier einmal mit Worten anfangen. Ob nun Sonnenstich oder Rotweinrausch. Das hier geht nicht gut aus.

Ankunft in Sibirien

Am Flughafen wurden wir von der Mutter meiner Sonne abgeholt. Noch waren wir aber nicht ganz angekommen. Zwar lag das Dorf sehr nah an Omsk, aber in russischen Entfernungen, so stand uns noch eine anderthalbstündige Fahrt bevor.

Unser Chauffeur war ein kleiner drahtiger Alter, der knarzend im Dorfdialekt sprach oder fast brüllte. Wieviel Kraft aber in diesem Körper steckt, merkte ich, als er unseren viel zu großen Koffer, der nicht in den Kofferaum passte, alleine auf den Dachgepäckträger schleuderte.
Unser Gefährt: ein alter, klappriger Lada, der sich fortwährend an seinem Sprit verschluckte; da jeder fünfte Kolbenschlag fast wie eine kleine Fehlzündung klang.
Lada

Ach was genoss ich das: Die lose Innenverkleidung summte während wir über die holprige Landstraße preschten, die unser Fahrer wie seine Handinnenfläche kennen musste, denn des öfteren musste er kratergroße Schlaglöcher umkurven, von deren Existenz er schon vorher gewusst haben musste, denn sonst hätte er bei dieser Geschwindigkeit gar nicht rechtzeitig bremsen können.
Schlagloch

Fahrer und Mutter plauschten und lachten und wir saßen auf der Rückbank während wir dem kleinen Dorf entgegenrasten und ich einen ersten Blick auf die sibirische Landschaft werfen konnte.