In Gefahr und großer Not bringt der Mittelpunkt den Tod

Alexander Kluge sah auf den ersten Blick, wohin die Reise bei den Autopoietikern gehen müsste. Mit Bob Macha auf der Dachterrasse des Hotel Atlantic, das Jackettrevers mit Salatsoße befleckt, zu allem Überfluss hatte Macha in einem weiteren Moment der Unachtsamkeit noch ein Pils umgestoßen. Das alles aber schärfte eher noch des großen alten Mannes Wahrnehmung. Unverkennbar korreliere die autopoietische Krisis mit der Krise der europäischen Finanz- und Währungsverhältnisse. Zwei Systeme, die in der eigenen Selbstverkreislaufung heiß liefen. Einerseits gewaltige Ansprüche und Erwartungen, andererseits nur Wasser, das man in Durchlauferhitzung wieder und wieder aufkocht.
Was vor allem fehlt, sagte Alexander Kluge, ist ein Thema, an dem ihr euch abarbeiten könnt!
Ihn erinnerte das alles spontan an seinen Kracher von damals, SCHLACHTBESCHREIBUNG: Die Katastrophe Stalingrad auffächern, aus der Not, das alles glaubwürdig more Tolstoi nicht mehr erzählen zu können, die Tugend machen, die in einer Verpflichtung auf Vielstimmigkeit, Polyfokalität, Multiperspektivik liegt. Das war damals sein Verfahren, das war damals die Rettung. Damit konnte er sich auch aus der Sackgasse befreien, in der die Literatur nach Proust, nach Thomas Mann gelandet war.
Damals war das 19. Jahrhundert unwiderruflich vorbei; Gleiches galt nun auch für das 20.
Also, sagte Alexander Kluge, geben Sie dem Orchester den Raum, den es braucht. Wenn der MANN OHNE EIGENSCHAFTEN nicht mehr geht, gehen immer noch die EIGENSCHAFTEN OHNE MANN. Die Wahrheit liegt heute außerhalb des Zentrums, oder sagen wir so: Die Wahrheit ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall liegt, dessen Umfang jedoch erst noch zu bestimmen wäre.
Und unsere Aufgabe, fragte Bob Macha, läge also darin, diese Umfangsbestimmung vorzunehmen?
Klar, sagte Alexander Kluge und stopfte sich eine Gabel voll Salat in den Mund. Kauend: Tom sollte von seinem hortus conclusus aus eine PHILOSOPHIE DES GELDES mit den Mitteln der Narration schaffen. Eine Art ILIAS der globalen Kapitalströme. Phorky sollte die Auswirkungen der Krise aus der Sicht der von ihr zuvörderst Betroffenen schildern: GROSSE ERWARTUNGEN, KLEINE ERTRÄGE, ein MINIMA MORALIA der „liquid modernity“, an WOYZECK eher orientiert als an einer Philosophie der strengeren Observanz. mete, mit seinen präzisen Beobachtungen, aphoristisch verdichtet, untersucht, inwiefern es sich bei der Finanzkrise um eine Vertauschung von Ornament und Substanz handelt. Man nimmt, was eigentlich nur Locke, gedreht auf Glatze, ist, nämlich das Geld, das Ungreifbare, dieses nicht nur flüchtige, sondern streng genommen fiktive Element, als substantiell. Man dichtet dem Geld eine Essenz an, sieht in ihm sogar die Quintessenz. Als wäre es ein rationaler Akt, den leeren Versprechungen von moralisch zwielichtigen Fremden aus Tokio und New York unbedingtes Vertrauen zu schenken. Frau Ohneeinander, die klassische erzählerische Stimme. Vielfach kommentierend, vielfach mahnend und warnend, reflektiert sie all dies in gelegentlichen Zwischenrufen, gewissermaßen von der Trainerbank aus, wenn Sie, schloss Alexander Kluge, mir dieses Herbeizitieren der Fußballmetaphorik noch einmal durchgehen lassen.
Nein, sagte Bob Macha dazu nur. Aber Ihre Idee finde ich nicht schlecht.
Zum Glück ist es ein dunkles Jackett, sagte Alexander Kluge. Da fällt der Fleck gar nicht auf, oder was meinen Sie? Ich treff nämlich gleich noch den Matthias Matussek.

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